Leitgedanke  

Es wird in Kürze eine neue Homepage www.knappert-hiese.de erstellt.

Lesen Sie hier meinen Redebeitrag vom Friedensweg/Ostermarsch in Friedrichshafen vom 9.4.12:

Über die Einladung, auf der heutigen Abschlussveranstaltung zur Waffenproduktion in Friedrichshafen zu sprechen, habe ich mich sehr gefreut – vielen Dank dafür! Unter dem Motto  „Empört Euch – abrüsten, umrüsten!“ werde ich zunächst einen Blick zurück werfen - auf die Geschichte der Rüstungsindustrie in Friedrichshafen. Weil wir aber nicht nur aus der Geschichte lernen, stelle ich Parallelen zum aktuellen politischen Geschehen her. Damit möchte ich erkennbar machen, warum das notwendige Umrüsten eine dringende Änderung des Denkens und des Wahrnehmens erfordert.

 

In der  oft  konservativ ausgerichteten Politik des Landratsamtes und der Rathäuser im Bodenseekreis gelten nach wie vor eher antiquierte Vorstellungen von Fortschritt, Wohlstand und Wachstum. Es stimmt nicht, dass Wachstum immer zu Wohlstand führt und Reichtum per se positiv ist. Wenn die Differenz zwischen Arm und Reich unüberbrückbar wird, dann schadet unkontrolliertes Wachstum ganz erheblich. Die Waffenindustrie beschleunigt die negativen Entwicklungen in unserem ungeregelten Wirtschaftssystem übermäßig und hat keinerlei positive Auswirkungen. Eine rüstungsfreie Zone Bodensee ist zwingend erforderlich, weil die exportorientierte Produktion von Rüstungsgütern das ökonomische Ungleichgewicht in der Euro-Zone und weltweit nur vergrößert.

 

Auch auf den Industriestandort Friedrichshafen trifft ein universelles Spannungsverhältnis zu, das die „Umrüstung des Denkens“, also die notwendige Bewusstseinsveränderung, erschwert. Schließlich sind die Menschen hier stolz auf die bekannten Namen Claude Dornier, Karl Maybach und Graf Zeppelin. Der positive Glaube an den Fortschritt wurde natürlich auch mit der schwäbischen Eisenbahn und der Bodensee-Dampfschifffahrt genährt. Zudem profitierten die Menschen dieser Region vom sich entwickelnden Tourismus ganz erheblich. Die Bodenständigkeit der Oberschwaben ermöglichte daher eine positive Identifikation der Bevölkerung mit der prosperierenden Industrie.

 

In Friedrichshafen war die Rüstungsindustrie seit jeher ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor, der für Arbeitsplätze und Wohlstand sorgte. Allerdings führte sie auch zu dem größten Unglück in der Stadtgeschichte: Am 28. April 1944 wurde nahezu die gesamte Altstadt durch den Luftangriff alliierter Streitkräfte zerstört. Schon im Ersten Weltkrieg war Friedrichshafen ein bedeutender Fertigungssandort für Militär- und Rüstungsgüter. Der Zeppelin-Konzern mit dem Luftschiffbau weckte bei den Machthabern der Weimarer Republik großes Interesse. Zeppeline konnten Luftangriffe auf feindliche Städte im europäischen Ausland fahren. Wenn wir ihn im Sommer hoch über dem See fliegen sehen, denken wir nicht mehr an diese Schattenseiten. Einheimische und Urlauber freuen sich über gutes Wetter und einen sichtbaren Wohlstand, der seinesgleichen sucht in dieser Republik.

 

Betrachten wir dazu einige Fakten: Die Beschäftigtenzahlen des Zeppelin-Konzerns zu Beginn des 20. Jdts. zeigen, dass der damalige Wohlstand eng mit dem Tod unserer Nachbarn verknüpft war. Die Anzahl stieg von knapp 1000 im Jahr 1914 auf über 5000 im Jahr 1918. Zudem konnte sich der Konzern mit den Gewinnen aus den Kriegsjahren über die Weltwirtschaftskrise retten. Mir persönlich ist es vollkommen unverständlich, warum nach weniger als 90 Jahren die politisch Verantwortlichen heute nicht anerkennen, dass wir längst wieder auf eine Weltwirtschaftskrise zusteuern. Allerdings besteht jetzt im 21. Jahrhundert überhaupt kein Zweifel mehr daran,  dass die Auswirkungen letztlich die gesamte Menschheit und den Planeten selber betreffen würden. Wer den erreichten Wohlstand nicht leichtfertig verspielen und seinen Kindern und Enkeln auch noch ein Stück vom Kuchen übrig lassen will, der muß sich entrüsten und politisch oder bürgerschaftlich engagieren.

 

Denn heute, 20 Jahre nach dem Kalten Krieg, leben wir wieder in einer Zeit großer Umwälzungen und Veränderungen. Dennoch wird die Rüstungsindustrie keineswegs geschmäht in dieser Region.  Auch in Friedrichshafen und anderen Orten des Bodenseekreises fehlt es an Geldern für Schulen, Jugendarbeit, für soziale Maßnahmen oder den Ausbau einer öffentlichen Infrastruktur. Vereinsarbeit und bürgerschaftliches Engagement gilt vielen Bürgermeistern als unerschöpfliche Ressource, wenn öffentliche Gelder nicht mehr fließen. Welcher Bürgermeister wollte wohl drauf hinwirken,  dass ein florierender Industriebetrieb seine Rüstungsgüter-Produktion umstellen müsste? Hauptsache, es fließen Gewerbesteuern in die ewig klammen Kassen. Rüstungsfirmen finanzieren zudem soziale Einrichtungen in vielen Kommunen, wenn sich ansonsten keine Gelder mehr auftreiben lassen.

 

So wird bereitwillig akzeptiert, dass die großen Arbeitgeber der Region ihren militärischen Bereich hinter sauberen Namen verbergen, wie z.B. die ZF mit ihrer Sparte Sonderantriebstechnik. Fragen von Ethik und Moral bleiben außen vor. Unter dem Deckmantel der Angst gilt offensichtlich eine unausgesprochene Übereinkunft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Wenn sich der ehemalige MTU-Vorsitzende, Volker Heuer,  in  der Zeit vom 4.10.10 zitieren lässt, verleugnet er einfach die moralische Wahrheit.  Die MTU spreche bewusst von Defence-Systemen, die nicht im Angriff eingesetzt werden, sondern lediglich der Verteidigung dienten. Auf einem Globus, der nur noch das Überleben eines Teils der Menschheit garantiert, macht Verteidigung aber keinen Sinn mehr. Es sei denn, wir akzeptieren, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch Verteidigung in den totalen Krieg um Ressourcen führen wird, wenn wir den Wahnsinn nicht gemeinsam stoppen!

 

In einem Gespräch mit Dr. Dollak vom Graf Zeppelin Gymnsium über Schulkooperationen mit Häfler Rüstungsbetrieben musste ich leider feststellen, dass er genau wie Heuer die moralisch-ethische Dimension des Problems verleugnete und sich ausschließlich auf vermeintlich objektive Fakten für Schulkooperationen berief.

 

Bsp. MTU: Sie beschäftigt in Friedrichshafen rund 5500 Mitarbeiter. Etwa ein Fünftel des Gesamtumsatzes wird mit dem Verteidigungsgeschäft erwirtschaftet. Das waren im Jahr 2009 rund 500 Millionen Euro. Dieses Geld stammt auch von Motoren, die sich in Kriegsschiffen des ägyptischen Regimes befanden. Heuer und Dollak sollten sich einmal die Frage stellen, ob die kriegerischen Auseinandersetzungen in den Nachbarländern der EU überhaupt noch  eine saubere Unterscheidung von Angriffs- und Verteidigungskrieg ermöglichen. Eigentlich geht es sowohl bei Verteidigung als auch bei Angriff nur noch um den Zugriff auf Märkte, Energie und Ressourcen! Längst befindet sich der Globus wieder im Zustand des Krieges, worauf der bekannte Schweizer Weltbürger Jean Ziegler immer wieder hinweist. Dieser Krieg ist auch in Europa angekommen. Das Beispiel Griechenlands zeigt eindeutig, wie die dortige  Bevölkerung darunter leidet, dass die EU dem Land Sparmaßnahmen aufzwingt, die angeblich das europäische Finanzsystem  retten sollen. Wenn das System aber krank ist, kann es nicht geheilt werden, indem an einzelnen Stellschrauben gedreht wird. Zu Wachstum und steigendem Bruttosozialprodukt bei gleichzeitigem Anwachsen der unteren Einkommensgruppen und Hartz-IV-Bezieher trägt die Kriegsindustrie in Deutschland ganz erheblich bei. Ziegler spricht daher von der Rückkehr des Feudalismus, der aktuell auch die Demokratie  bedroht.

 

Das ist jedoch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken und zu resignieren. Es ist eigentlich ganz einfach: Liebe Gott über alle Dinge und den Nächsten wie Dich selbst! Denken Sie auch einmal daran, dass Gebete alleine nicht immer wirken, sondern dass Gott sich auch im Handeln Ihres Nächsten zeigen könnte. Schwimmen Sie gegen den Strom, widersetzen Sie sich den Konsumzwängen des  Alltags, fliegen Sie weniger in Urlaub, kaufen Sie bewusst ein, engagieren Sie sich politisch und besuchen Sie die Bürgerfragestunden in Gemeinderat und Kreistag, damit unsere Demokratie lebt! Sprechen Sie mit Ihren Kindern und Nachbarn auch über unbequeme Sachverhalte. Und lassen Sie sich nicht aufhalten, selbst wenn andere sich über Sie aufregen oder Sie stoppen wollen. Empört Euch – abrüsten, umrüsten! Das gilt  sowohl für die Gesellschaft als Ganzes als auch für jedes Individuum alleine!